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Eine Begegnung von Mensch zu Mensch

Jana Fässler, 35 Jahre alt, Schädelhirntrauma

Eine Begegnung von Mensch zu Mensch


Es ist Montag, 05.30 Uhr. Mein Radiowecker ruft. Ich bin ein Morgenmensch – zumindest nach der ersten Tasse Kaffee aus meiner italienischen Kolbenmaschine. Es folgt die morgendliche Routine, die mit der Ankunft im Friedheim – einem historischen Gebäude der Rehaklinik Zihlschlacht, in meinen Arbeitsalltag als Leitung Marketing und Kommunikation übergeht. Ich überfliege meine E-Mails und werfe einen Blick in meinen Kalender. Die ungefähre Tagesplanung ist gemacht, schon bin ich in der Realität angekommen. Heute Nachmittag führe ich ein Interview mit einer Patientin. Ich kann nicht einschätzen, was mich bei dieser Begegnung erwartet. Nichts davon lässt sich planen, das ist für mich als Marketingfrau eine kleine Herausforderung.


Es fehlt nur der frisch gebrühte Kaffee, ein würziger Tee, ein feines Stück Kuchen, die lauschige Sitzgelegenheit und die Geräuschkulisse eines betriebsamen Cafés. Alles andere ist auf natürliche Art und Weise vorhanden, so dass sich dieses Interview anfühlt wie ein vertrauter Kaffeeklatsch unter zwei Frauen, die sich vor Kurzem kennengelernt haben. Wir lachen herzlich miteinander. Wir sind in einem ähnlichen Alter, ich habe etwas Vorsprung. Beide haben dunkelbraune Haare und sind Frohnaturen. Und über all dem sehe ich diese Zahlen auf meinem Notebook, das aufgeklappt vor mir steht. 541 stationäre Tage in der Rehaklinik Zihlschlacht. 541 Tage Rehabilitation. 541 Tage nicht im gewohnten Zuhause, das man jeden Tag in einer persönlichen Routine verlässt. 541 Tage, die eine Verbindung zu einem Leben «vor» und einem Leben «nach» oder «mit» dem Ereignis schaffen. Jana hatte vor Jahren unverschuldet einen schweren Verkehrsunfall. Ein Autofahrer, der einen Blumenstock vergessen hatte und wendete, übersah die junge Frau auf ihrem Roller und schnitt ihr den Weg ab. Die beiden kollidierten und Jana flog in weitem Bogen über den Personenwagen. Im Flug verlor sie den Helm und stürzte mit ihrem ungeschützten Kopf direkt auf den Asphalt. Sie erlitt ein schweres Schädel-Hirn-Trauma, einen Splitterbruch im Oberschenkel und Knochenbrüche im Handgelenk, einen gebrochenen Unter- und Oberkiefer, einen beschädigten Zahn. Eben war sie noch auf dem Heimweg nach einem langen Arbeitstag. Am Morgen in der Klinikapotheke und nachmittags als selbständige Kosmetikerin im eigenen Studio, das sie gemeinsam mit einer Freundin führte. Eigentlich wäre noch die kaufmännische Abendschule auf dem Programm gestanden, doch diese fiel an dem Tag aus. Der frühe Feierabend war willkommen, doch kam Jana Fässler dort nicht an. Um es in Janas Worten zu sagen: «Mit einem Wimpernschlag änderte sich mein Leben komplett».


Doch von all dem weiss Jana nichts. Sie lag drei Wochen im Koma auf der Intensivstation. Ich schreibe mit und frage mich zugleich, was das für Ihr engstes Umfeld bedeutet hat. Eine Tochter, die nicht mehr ansprechbar ist. Angst. Liebe. Verlust. Hoffnung. Nur ansatzweise kann ich mir vorstellen, was in diesem Mutterherz für Achterbahnfahrten stattgefunden haben. Ein Arbeitgeber und Arbeitskollegen, die betroffen sind. Eine Geschäftspartnerin, die ebenfalls mit einem Wimpernschlag alleine für ein Unternehmen verantwortlich ist. Freunde, die nicht einfach auf die Kurzwahltaste ihres mobilen Gerätes drücken können, um Gespräche zu teilen. Ich denke mir, auch das Leben des Autofahrers hat sich in mit einem Wimpernschlag verändert.


Die Wimpern schlagen wieder auf. Jana kommt zurück in diese Welt. Drei Monate konnte sie nicht sprechen, wusste nicht was eine Zahl oder ein Buchstabe ist. «Super» war das erste gesprochene Wort nach dem Unfall. Diese Wortwahl. Einfach eindrücklich, oder? Die Logopädie-Stunden lassen sich nicht mehr zählen. Die einseitige Lähmung des Körpers ist geblieben. Sprechen, Schreiben und Lesen sind noch immer sehr anstrengend. «Es ist noch immer nicht perfekt, aber viel besser», meint Jana. Von uns beiden braucht es Konzentration. Für Jana, um die Worte zu finden. Für mich, um fokussiert zuzuhören und ab und an zu erahnen, was Jana ausdrücken möchte. Es hält uns aber nicht davon ab, über Ihren Freund «dä Michi» zu sprechen. Natürlich interessiert mich dieses Thema brennend. Ich spreche Jana auch auf die Tabuthemen Inkontinenz und Sexualität an. Ich bin einfach neugierig, ob sie hier uneingeschränkt ist. Jana hat in beiden Bereichen keine Einschränkungen, und so reden wir über das Thema Sexualität und ob das Äussere des Partners wichtig ist. Früher war es wichtiger, heute ist es nicht mehr wichtig, auf das Herz kommt es an und zudem gefällt ihr «dä Michi» so oder so. Die Sexualität ist schöner geworden, die Empfindungen haben sich auf eine angenehme Art und Weise verändert. Das veränderte Empfinden kenne ich nicht, aber ich gehe damit einig, dass sich die Schönheit eines Menschen im Herzen zeigt und subjektiv empfunden wird.

Das Malen und kreative Schaffen ist ein grosses Thema in Janas Leben geworden. Tatsächlich hat sie damit in der Rehaklinik Zihlschlacht begonnen. Eine Freundin hat sie an den therapiefreien Wochenenden in die Kunst des Malens eingeführt. Die Leidenschaft ist bis heute geblieben. Es fällt mir sehr leicht, das nachzuvollziehen. Auch ich bin gerne kreativ und habe immer wieder in meinen Lebensabschnitten zum Pinsel oder zum Schreiber gegriffen. Die Arbeit mit Farben und Formen hat auf Jana eine meditative Wirkung, etwas Befreiendes, etwas Leichtes. Nicht, dass Jana dies nötig hätte. Sie ist nicht traurig oder blickt wehmütig auf dieses Leben davor. Sie ist fröhlich, zufrieden und sehr glücklich über so vieles in ihrem Leben. Über «dä Michi», die tollen Freunde, die liebevolle Familie. Erst nach dem Unfall hatte Jana wieder Kontakt zu Ihrem Vater. Als sie zwei Jahre alt war haben die Eltern sich scheiden lassen. Es ist schön, dass die beiden heute einen regelmässigen Kontakt haben. Ihr Umfeld trägt mit. Eine eigene Wohnung, das selbständige Autofahren und ihre Arbeitsstelle sind zudem wichtige Bestandteile ihrer Zufriedenheit. Sie schätzt ihre Selbständigkeit, würde aber auch akzeptieren, wenn dies in einigen Bereichen eingeschränkt wäre – so wie in den ersten Jahren. Dunkle Stunden, starke Trauer oder Verzweiflung hatte Jana nur wenige. «Ich lebe viel stärker im Jetzt als früher. Ich mache keine Zukunftspläne mehr. Abmachungen auf ein paar Wochen hinaus, weil Freunde so verplant sind, ja». Irgendwie siegte von Anfang an die Akzeptanz über diesen Schicksalsschlag und die Dankbarkeit und Demut darüber, dass sie lebt. Sie ist für so vieles dankbar und schätzt die kleinen und grossen Dinge. Ich sympathisiere stark mit dieser Eigenschaft, denn auch ich mache es mir täglich zur Aufgabe im Kleinen ganz viel Freude zu entdecken. Immer wieder achtsam und dankbar zu sein. «Weniger eitel» sei sie geworden. Früher ging sie nicht ungeschminkt und nur mit passender Frisur aus dem Haus. Ich bin gerade etwas erleichtert darüber, dann verzeiht sie mir wohl auch mein heutiges sehr natürliches Erscheinungsbild.


Das Malen ist eine Art Insel geworden. Ab und zu verändert sie die Beschaffenheit der Farben und die Technik. Sie malt experimentell und findet auch in den wenigen Momenten der Schwere einen entsprechenden Trost in dieser stillen Ausdrucksweise. Immer wieder stellt Jana Ihre Kunstwerke an Vernissagen aus oder verkauft sie – auch Weihnachtskarten – an Adventsmärkten.


Jana kommt weiterhin an 20 Tagen im Jahr zur ambulanten Rehabilitation in die Klinik. «Es ist wie Heimat», sagt sie. Sie schätzte es, dass sie täglich so viele Therapie-Einheiten hatte.
Jana verabschiedet sich von mir. Wir gehen mit den Worten «immer positiv bleiben» auseinander.

 

Autorin: Chara Frangos, Leitung Marketing und Kommunikation, Rehaklinik Zihlschlacht